Roland Frischkorn ist seit 2000 Vorsitzender des Sportkreises Frankfurt mit rund 420 Vereinen. Im Interview spricht er über europäische Ideen, verbindende Projekte und Lehren aus der Pandemie

Wer nach dem Begriff „sportlichste Stadt Europas“ googelt, bekommt eine Menge Treffer – Frankfurt am Main ist allerdings nicht darunter. Geben Sie deshalb das Ziel aus, dass Frankfurt die „bewegungsfreundlichste Stadt“ des Kontinents werden soll?

Wir als Sportkreis sagen, Frankfurt ist Sportstadt hinsichtlich der Vereine und deren Engagement. Das ist die Basis. Unser Ziel wird es sein, die „sportlichste und bewegungsfreundlichste Stadt Europas“ zu werden. Bewegungsfreundlich dahingehend, dass wir den ungebundenen Sport und den organisierten Sport auf eine Stufe stellen sowie in der Stadt auch Hinweise geben wollen, was man tun kann, für junge und für ältere Menschen, für alle, die Bedürfnisse haben, deshalb aber nicht unbedingt sofort in einen Verein eintreten wollen.

Warum ist das Ziel, in Europa hervorzustechen, wichtig, was steckt hinter diesem Gedanken?

Sport wird immer gesehen als Wettkampf. Oder als Olympische Spiele. Da schalten ganz viele Menschen schon ab. Ihnen wird gar nicht bewusst, dass Sport so viel mehr ist. Er ist Treffpunkt, er ist Fitness, körperlich und geistig, er ist Prävention und Rehabilitation, das wird deutlich mit dem Begriff „bewegungsfreundlichste Stadt“. Blicken wir auf die Pandemie, so ist doch gerade in Lockdown-Zeiten deutlich geworden, was fehlt, wenn kein oder kaum Sport ausgeübt werden kann. Eines ist klar: Ob jung oder alt, wir bewegen uns viel zu wenig. Die Turn- und Sportvereine in Frankfurt sind im Grunde die Gesundheitsanbieter Nummer eins, der Gesundheitssport steht im Vordergrund. Wenn wir Anwalt des ganzen Sports sein wollen, müssen wir gleichzeitig dafür sorgen, dass es in Frankfurt Bewegungsangebote gibt, die im Park, beim Spaziergang, ungebunden einfach zum Mitmachen verlocken.

Wie kann sich Frankfurt entwickeln, an welcher anderen Stadt in Deutschland oder Europa sollte man sich orientieren?

Gehe ich in andere Städte Europas, beispielsweise nach Valencia, kann ich dort im Turia-Park alle paar Meter Fitness-Geräte im Freien finden, und genau so stelle ich mir Frankfurt in der Zukunft vor.

Welche Meilensteine und welchen Zeitplan haben Sie im Kopf?

Beim Zeitplan würde ich von minimal fünf und maximal zehn Jahren ausgehen. Ich sage das auch deshalb, weil wir jetzt ja die glückliche Situation haben, und das einmalig in der Bundesrepublik, dass der zukünftige Sportdezernent zugleich der Planungsdezernent ist. Das gab es auch noch nie in Deutschland. Darauf ruhen unsere Hoffnungen, weil damit Sport einen ganz anderen Stellenwert in den Planungsprozessen bekommt. Und das Wichtigste ist, dass die unterschiedlich zuständigen Dezernate, ob für Grünflächen, für Sportanlagen, für den öffentlichen Personennahverkehr, ihre Planungen bündeln und damit eine andere Verkehrsplanungs- und Flächenplanungspolitik hinbekommen. Es muss der erste Schritt sein, zu erreichen, dass die verschiedenen Dezernate noch besser als in der Vergangenheit zusammenarbeiten.

Wer kann der Schrittmacher sein – der Sportkreis Frankfurt als Vertretung von über 400 Vereinen? Oder braucht es eine Allianz?

Nach meiner Auffassung war der Sportkreis Motor für diese Entwicklung, ist es und wird es auch in Zukunft sein. Das hat sich gezeigt in Zeiten der Pandemie, als wir eine Allianz mit den Fitnessstudios geschlossen haben, um uns nicht gegenseitig ausspielen zu lassen. Das heißt, die freie Szene, der ungebundene Sport, sowie der organisierte Sport ziehen an einem Strang. Und mit den Fitnessstudios auch der kommerzielle Sport.

Was macht die aktuelle Sport- und Bewegungsszene der Stadt aus?

Wir sind im Sport aus meiner Sicht besser aufgestellt als die städtischen Dezernate und Ämter, die sich in Teilbereichen wie konkurrierende Unternehmen verhalten. Wenn es uns in der städtischen Planungspolitik gelingt, die Interessen genauso zu bündeln, wie wir es im Sport in unserer Unterschiedlichkeit – ungebundener Sport, organisierter Sport, kommerzieller Sport – schon schaffen, dann kann aus dem Plan etwas werden. Und es wäre für mich die Vollendung einer Kommunalen Selbstverwaltung. Das heißt für mich, dass die Bürgerinnen und Bürger, die Organisationen, die Vereine, alle, die in diesem Raum tätig sind, zum Wohle der Stadt gemeinsam arbeiten. Dazu fehlt uns in dieser Allianz noch die Bündelung seitens der Stadt.

Ist Geld der wichtigste Punkt für kommende Entwicklungen?

Geld ist immer nötig. Aber ich glaube, wenn man genau hinschaut, wo jetzt schon Geld ausgegeben wird, und prüft, ob diese Mittel anders und besser eingesetzt werden können, dann muss es letztlich gar nicht teurer werden. Für viele ist das ja oft ein Hauptargument, große Pläne eher nicht zu verfolgen.

Wie wird sich der Vereinssport im Vergleich zu Aktivitäten ungebundener Menschen entwickeln?

Ich glaube nicht, dass die Individualität größer geschrieben werden wird. Nochmal zu unseren Pandemie-Erfahrungen: Das Miteinander hat uns doch am meisten gefehlt, auf allen Gebieten. Und ich glaube, durch die bestehende gute Zusammenarbeit im Sport wird es immer so sein, dass man aufeinander zugeht. Ich bringe mal ein Beispiel: Als vor 25 Jahren der „Nachtsport“ eingeführt wurde als offenes Angebot, haben mich viele Vereinsvorsitzende beschimpft, ich würde wie die Fitnessstudios zum Schaden der Vereine agieren, Das Gegenteil war der Fall. Denn genutzt wurde das Angebot im Wesentlichen von Jugendlichen im Alter von 16 bis 20 Jahren, die üblicherweise in diesem Alter aus den Vereinen ausgetreten sind. Sie sind dann dank des offenen Angebots „Nachtsport“ in den Vereinen geblieben.

Oder nehmen wir die „Bolzplatzliga“, ein Projekt des Sportkreises, doch selbstorganisiert von Jugendlichen: Hier zeigt sich ebenfalls, dass Vereinsmitglieder genauso mitspielen wie jene, die in keinem Verein sind. Aber viele von den ungebundenen Mädchen und Jungs treten dann letztlich einem Verein bei. Ich erzähle gerne von den Anfängen der Projekte im Stadtteil Gallus im Vorfeld der Fußball-WM 2006: Da kam ein Vater mit einem kleinen Jungen, der mal Fußball ausprobieren wollte. Heute kennen wir ihn alle, den damaligen Jungen, er ist nämlich ein weltbekannter Fußballer, Emre Can. Und das belegt, wie aus einer lockeren Verbindung eine intensive Bindung werden kann. Dies braucht der Sport, dies braucht Frankfurt.

Gibt es noch weitere Leuchtturmprojekte?

Ich kann in diesem Zusammenhang auch „Aktiv bis 100“ nennen, ein Projekt von Vereinen des Deutschen Turnerbundes, gezielt gerichtet an Menschen ab 70. Viele von ihnen waren vorher nie in einem Sport- oder Turnverein. Befragungen, die wir als Sportkreis gemacht haben, zeigen, dass diese Menschen begeistert sind, was sie in ihrem Alter noch erreichen können bei Muskelaufbau und Beweglichkeit. Da sind wir wieder bei der Mischung Fitness, Reha, Vorsorge. Es gibt Stimmen von Menschen, die sagen, dass sie dank des im hohen Alter begonnenen Gesundheitssports um ärztliche Behandlungen herumkommen. Durch die regelmäßige Teilnahme am Projekt „Aktiv bis 100“ war etwa eine Bandscheiben-OP nicht mehr notwendig. Wir müssen anders denken und viel deutlicher machen, dass Sport so viel mehr als Wettkampf ist. Der Wettkampf ist das Schaufenster, aber dahinter steckt die riesige Basis des Breiten- und Gesundheitssports.

Vom 23. bis zum 30 September hat der Sportkreis erstmals die Federführung bei der „Europäischen Woche des Sports“, damit propagiert die EU seit Jahren das Motto #BeActive, als Aufruf an die Bevölkerung mehr bzw. überhaupt Sport zu treiben. Wie kann die diesjährige „Europäische Woche des Sports“ zum Turbo für die Idee von der „sportlichsten Stadt Europas“ werden?

Wir wollen der Treiber sein, nicht nachzulassen, an dem großen Ziel zu arbeiten. Ich glaube, das ist wichtig. Man kann eine Idee spontan toll finden, dann wird vielleicht kurzzeitig etwas daraus – und dann verpufft es doch. Wir denken langfristig, und wir lassen auch nicht nach, wenn man bei einer Sache ein bisschen mehr Zeit braucht. Da kann ich die Initiative „Park-Sport“ nennen. In vielen deutschen Städten Deutschlands ist Sport im Park längst üblich, ob München, Bonn oder Berlin. Frankfurt hat sich bislang damit schwergetan. Wir bleiben dran. Die Pandemie, hat gezeigt, wie wichtig der öffentliche Raum, die Freiflächen, die Parks sind, um Angebote zu schaffen und damit auch zur Gesunderhaltung der Menschen beizutragen. Es wäre fatal zu glauben, wenn wir alle durchgeimpft sind, ist das Virus weg. Das Virus wird nicht weg sein, und wir werden auch im Sport lernen müssen, damit zu leben. Wir müssen uns für alle Altersgruppen, von den Kindern angefangen, anders aufstellen.

Der Sportkreis war ja auch schon bisher beteiligt am Programm der „Europäischen Woche des Sports“, was kommt durch die Übernahme der Federführung vom Deutschen Turnerbund nun auf Sie und Ihr Team zu?

Ich freue mich, dass das Land Hessen und die Stadt Frankfurt das Vertrauen in uns setzen und uns beauftragt haben, als Veranstalter #BeActive in Frankfurt zu organisieren. Wir haben den Vorteil, dass wir gut vernetzt sind mit unseren Partner-Sportkreisen, über das Portal „mainova-sport.de“. Wir arbeiten schon lange in vielen Bereichen gemeinsam. Das ist eine wichtige Voraussetzung, die Europäische Woche des Sports, Jahr für Jahr noch breiter aufzustellen.

Im letzten Jahr haben wir mit unserer Beharrlichkeit erreicht, dass die Veranstaltung nicht einfach abgesagt, sondern anders organisiert wurde, nämlich dezentral. Diese Neuaufstellung hat dann dazu geführt, dass die Europäische Woche die erste „Großveranstaltung“ Frankfurts nach dem Lockdown war. Und zu unserer Überraschung haben viel mehr mitgemacht als in den Jahren zuvor. Das hatte mit dem dezentralen Konzept zu tun, wir konnten die Stadtteile, die Vereine einbinden. Für dieses Jahr versprechen wir uns, dass dieser Trend sich noch verstärken wird. Und wir als organisierter Sport haben einen Grund mehr uns anzustrengen, da wir in der Pandemie 10.000 Mitglieder verloren haben, insbesondere im Kinder- und Jugendbereich. Die Vereine in den Stadtteilen sollen gestärkt und zur Teilnahme an der Europäischen Woche motiviert werden, um Mitglieder zurückgewinnen zu können.

Mit welchen Programmschwerpunkten können Interessierte rechnen, was plant der Sportkreis?

Zu unserem Programm vor Ort kommt das übergeordnete Programm des Deutschen Turnerbundes, wie die #BeActive-Night oder #BeActive-TV. Der DTB begleitet unsere Veranstaltungen, insbesondere am Wochenende. Wir halten an der dezentralen Organisation fest, haben aber auch zwei zentrale Orte: Erstmals stellen wir die Fabriksporthalle des Sportkreises in Fechenheim in den Mittelpunkt. Zum anderen auch die freie Szene mit dem Hafenpark, mit Calisthenics und den EZB-Basketballern, als Partner und Projekt des Sportkreises. Das Familiensportfest ist ein ebenso wichtiger Baustein. Im vergangenen Jahr musste es ausfallen. In diesem Jahr wäre es zum traditionellen Zeitpunkt im Juli wieder ausgefallen. Aber wir haben uns früh mit den Partnern und Geldgebern entschieden, dass wir das Familiensportfest einbinden in die Europäische Woche des Sports. Wir fühlen uns den Familien verpflichtet.

Ich sehe es so: Die Länder Europas sind relativ zerstritten. Und wir im Sport wollen dazu beigetragen, dass man wieder zusammenfindet. Nur gemeinsam sind die Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen. Wenn wir deutlich machen, dass es im Sport keine Gegner gibt unter den Anbietern, dass organisierter, kommerzieller und ungebundener Sport geeint zusammenwirken, dann muss es doch in Europa mit seinen Politikern und Diplomaten erst recht möglich sein, Dinge auf die Schiene zu bringen.
Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Jörg Hahn

Der Sportkreis Frankfurt e.V. ist die Dachorganisation der Frankfurter Turn- und Sportvereine und dem Landessportbund Hessen angeschlossen. Er vertritt die Interessen der rund 420 Frankfurter Turn- und Sportvereine mit über 252.000 Sportlerinnen und Sportlern nach innen und außen. Dabei unterstützt er die Vereine zum Beispiel bei Zuschüssen, Öffentlichkeitsarbeit, Mitgliedergewinnung und Weiterentwicklung von Sportangeboten.